2026-05-19 · 11 min

Der PHQ-9 in Sona – was er ist, wofür er gut ist, und wie du ihn als User liest

Wenn dich Sona irgendwann fragt, ob du den PHQ-9 ausfüllen willst – oder du ihn dir aktiv über die Stats-Seite holst – stehst du vor neun ziemlich direkten Fragen. „Wie oft haben Sie sich in den letzten zwei Wochen niedergeschlagen, schwermütig oder hoffnungslos gefühlt?" Antworten von „Überhaupt nicht" bis „Beinahe jeden Tag". Am Ende eine Zahl zwischen 0 und 27.

Dieser Post ist ein gründlicher Begleitartikel: Was ist der PHQ-9 eigentlich, warum benutzen Ärzt:innen und Therapeut:innen ihn, was bedeutet deine Zahl – und was sie nicht bedeutet.

Was der PHQ-9 ist

Der PHQ-9 (Patient Health Questionnaire-9) ist die 9-Item-Depressions-Skala des größeren PHQ-Fragenkatalogs, der in den späten 1990er Jahren von Kurt Kroenke, Robert Spitzer und Kollegen entwickelt wurde, ursprünglich für die US-Hausarzt-Praxis. Er ist ein Screening-Instrument für Depressionen – das heißt: Er soll helfen, depressive Symptome strukturiert zu erfassen, ohne dass Patient:in und Behandler:in lange Anamnese-Gespräche dafür brauchen.

Die neun Fragen bilden die neun Symptom-Kriterien einer Major Depression nach DSM-IV (heute DSM-5) ab. Jede Frage erfasst, wie oft das Symptom in den letzten zwei Wochen auftrat:

Die Summe der neun Items ergibt den Gesamtwert von 0 bis 27.

Warum er klinisch ernst genommen wird

Der PHQ-9 ist eines der best-validierten Selbstauskunfts-Instrumente für Depression weltweit. Er wurde in tausenden Studien geprüft, in über 30 Sprachen übersetzt und in verschiedensten klinischen Kontexten eingesetzt – von der Hausarzt-Sprechstunde über die psychiatrische Klinik bis zur Onkologie.

Wesentliche Eigenschaften, die ihn so verbreitet machen:

Hohe Sensitivität und Spezifität. Bei einem Cutoff von 10 erkennt der PHQ-9 in den meisten Studien etwa 88 % aller Major Depressionen korrekt (Sensitivität) und schließt etwa 88 % der Nicht-Depressiven korrekt aus (Spezifität). Diese Werte sind für ein Selbstauskunfts-Tool außergewöhnlich gut.

Veränderungssensitiv. Im Verlauf einer Behandlung verändert sich der Score zuverlässig mit dem klinischen Befinden. Das macht ihn für Therapeut:innen sehr nützlich – sie können messen, ob eine Therapie wirkt, statt sich nur auf das Bauchgefühl zu verlassen.

Kurz. Neun Fragen, ca. 3-5 Minuten. Das ist Gold wert in einer Hausarzt-Praxis, in der man unter realistischem Zeitdruck steht.

Standardisiert. Zwei Therapeut:innen, die den PHQ-9 in der ersten und zehnten Stunde verwenden, können belastbar vergleichen, ob sich was geändert hat. Ohne so ein Instrument würde jede:r nach eigenem Eindruck einschätzen.

Die Cutoffs und was sie bedeuten

Die Gesamtsumme wird üblicherweise so kategorisiert:

Score Schwere
0–4 Minimal / keine klinisch relevante depressive Symptomatik
5–9 Leichte depressive Symptome
10–14 Mittelgradige depressive Symptome
15–19 Mittelschwere depressive Symptome
20–27 Schwere depressive Symptome

Wichtig zu verstehen: Diese Kategorien sind statistische Mittelwerte, keine harten Grenzen. Ein Score von 9 ist nicht „leicht und harmlos", und ein Score von 10 nicht plötzlich „eine echte Depression". Die Grenze 9/10 ist eher ein Hinweis: ab hier wird es klinisch relevanter, ab hier sollten Behandler:innen genauer hinschauen.

Klinisch wird oft mit zwei Schwellen gearbeitet:

Daneben gibt es eine zusätzlich wichtige Frage 9: Suizidalitäts-Item. Diese fragt explizit, wie oft Gedanken aufgetreten sind, „lieber tot zu sein oder sich Leid zuzufügen". Eine Antwort > 0 ist unabhängig vom Gesamtscore ein Grund, sehr genau hinzuschauen. Therapeut:innen folgen hier in der Regel einem strukturierten Sicherheits-Gespräch.

Was Therapeut:innen mit dem PHQ-9 machen

Wenn du den PHQ-9 in einer Praxis ausfüllst, sind ungefähr diese Verwendungen typisch:

Bei Erstvorstellung. Eine systematische Baseline. „So sind wir gestartet." Das ist später der Vergleichspunkt.

Im Verlauf einer Therapie. In manchen Praxen wird der PHQ-9 alle paar Wochen wieder ausgefüllt, in anderen monatlich oder quartalsweise. Therapeut:innen schauen, ob der Score sinkt, stagniert oder steigt. Bei stagnierendem oder steigendem Score wird die Therapie oft angepasst – andere Methode, andere Frequenz, ergänzende Medikation.

Vor und nach Veränderungen. Wenn eine neue Medikation angesetzt wird, ist es üblich, vorher und einige Wochen später den PHQ-9 nochmal zu erheben, um zu sehen, ob sich was bewegt.

Beim Abschluss. Am Ende einer Therapie wird oft nochmal gemessen, um zu sehen, wo man steht – und um eine objektivere Grundlage zu haben als „naja, fühlt sich besser an".

Was Therapeut:innen damit NICHT machen: Den Wert als alleinige Diagnose verwenden. Eine offizielle Depressions-Diagnose stellt ein:e Ärzt:in oder Therapeut:in im Gespräch fest – der PHQ-9 ist ein Werkzeug, nicht der Entscheider. Ein Mensch mit Score 18, der gerade einen massiven Verlust erlebt hat, hat möglicherweise eine Trauerreaktion und keine depressive Episode. Diese Unterscheidung muss eine Person treffen, die im Gespräch sitzt.

Was der PHQ-9 nicht kann

So gut der PHQ-9 ist – er hat klare Grenzen, die in der wissenschaftlichen Literatur gut dokumentiert sind:

Er unterscheidet nicht zwischen Major Depression und anderen Zuständen. Ein hoher Score kann auch bei Burnout, posttraumatischen Belastungsstörungen, Trauer, Anpassungsstörungen oder bestimmten körperlichen Erkrankungen (Schilddrüsenunterfunktion, chronische Erkrankungen, manche Medikamenten-Nebenwirkungen) entstehen. Der PHQ-9 sieht Symptome, nicht Ursachen.

Er erfasst keine bipolaren Episoden. Wenn jemand Phasen schwerer Niedergeschlagenheit und Phasen ausgeprägter Hochstimmung hat, ist Depression-Screening alleine unzureichend. Dafür gibt es eigene Instrumente (z. B. MDQ).

Er ist nicht für akute Krisendiagnostik gedacht. Wenn du in einer Suizid-Krise bist, hilft dir keine Skala – dann brauchst du sofort Hilfe. In Deutschland: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 (24h, kostenlos). In Österreich: 142. In der Schweiz: 143.

Er kann verzerren. Manche Menschen unterschätzen ihre Symptome systematisch (besonders solche, die gelernt haben, „stark" zu sein). Andere überschätzen. Eine Skala kann diese Verzerrung nicht herausfiltern.

Wie Sona den PHQ-9 einsetzt

Wir haben den PHQ-9 in Sona eingebaut, weil er das beste vorhandene Werkzeug ist, um über mehrere Wochen zu sehen, ob die Stimmungs-Beobachtung in Sona klinisch relevant wird – oder ob sie das gerade nicht ist.

Konkret bei Sona:

Du füllst ihn freiwillig aus. Sona drängt dich nie. In den meisten Fällen schlägt Sona ihn dir nur dann vor, wenn dein Stimmungsverlauf über mindestens zwei Wochen so aussieht, dass eine genauere Erhebung sinnvoll wäre. Du kannst ihn auch jederzeit selbst öffnen, über die Stats-Seite.

Quartalsweise Erinnerung (optional). Wir haben einen sanften Quartals-Reminder eingebaut, der nur greift, wenn du ihn nicht abschaltest. Idee: alle drei Monate ein Schnappschuss, mehr nicht.

Verlaufs-Ansicht. Du siehst deine PHQ-9-Werte über die Zeit – nicht nur als einzelne Zahl, sondern als Reihe. Das ist die wertvolle Information: Bist du an der gleichen Stelle wie im Februar? Geht es nach unten? Nach oben?

Export für Therapeut:innen. Wenn du in Therapie bist (oder zu einer:einem Hausärzt:in gehst), kannst du deinen PHQ-9-Verlauf als PDF exportieren und mitnehmen. Das ist genau die Art von Daten, mit denen Behandler:innen arbeiten – sie wird gerne gesehen.

Suizidalitäts-Frage wird ernst genommen. Wenn du beim Item 9 etwas anderes als „Überhaupt nicht" angibst, schaltet Sona in einen besonderen Modus: Du bekommst sofort und direkt Hinweise zu professionellen Hilfsangeboten in deinem Land, und Sona stellt dir keine weiteren Fragen, die dich zusätzlich belasten könnten. Das ist Absicht, weil hier eine Skala an ihre Grenze kommt – ab hier zählt nur noch der Kontakt zu einem Menschen, der helfen kann.

Wie du dein Ergebnis als User liest

Hier ein paar Leitlinien, wenn du deinen PHQ-9-Wert in Sona siehst:

0-4: Du bist in deiner Selbstauskunft im symptomarmen Bereich. Das heißt nicht, dass alles perfekt ist – Menschen mit Score 3 können trotzdem unzufrieden mit ihrem Job, ihrer Beziehung oder ihrem Schlaf sein. Aber depressive Symptome im engeren Sinn sind kaum vorhanden.

5-9: Du beschreibst leichte Symptome. Das ist nicht zwangsläufig „bedrohlich", aber auch nicht „nichts". Wenn du diesen Bereich seit Monaten stabil hältst, kann es sinnvoll sein, das mal in einem Gespräch (mit Freund:innen, mit einer:einem Hausärzt:in) anzusprechen. Nicht weil du krank wärst – sondern weil leichte Symptome auch ohne Behandlung manchmal wegehen, und manchmal nicht.

10-14: Du beschreibst mittelgradige Symptome. Hier ist es ein klares Zeichen, mit einer:einem Ärzt:in oder Therapeut:in zu sprechen. Nicht weil du sofort eine Therapie bräuchtest, aber weil eine:r mit klinischer Erfahrung schauen sollte, was los ist. In Deutschland kannst du das niederschwellig über die Hausarztpraxis machen.

15-19: Du beschreibst mittelschwere Symptome. Hier ist die klinische Empfehlung sehr klar: aktive Behandlung in Erwägung ziehen. Das heißt nicht „Du brauchst sofort Medikamente" – aber es heißt, dass eine professionelle Diagnostik dringend sinnvoll ist.

20-27: Du beschreibst schwere Symptome. Bitte such dir professionelle Hilfe. Nicht in zwei Wochen, sondern in den nächsten Tagen. Hausarzt, Therapeut:in, in Akutfällen Klinik-Ambulanz. Schwere Depression ist behandelbar, und Behandlung wirkt – aber sie wirkt nur, wenn du sie bekommst.

Was du nicht tun solltest

Den Score täglich messen. Der PHQ-9 ist auf den 2-Wochen-Zeitraum geeicht. Alle zwei Wochen ist mehr als oft genug. Häufiger macht ihn nur unzuverlässig.

Den Score als Identität nehmen. „Ich bin ein Acht-Punkter" ist eine traurige Lesart. Du hast einen PHQ-9 von 8, aber du bist es nicht.

Mit anderen vergleichen. Es gibt keinen „normalen" PHQ-9. Der ist individuell. Die einzige sinnvolle Vergleichszahl ist dein eigener Verlauf.

Auf eigene Faust Medikamente einstellen oder absetzen. Wenn du gerade in einer medikamentösen Behandlung bist und dein PHQ-9 nicht das tut, was du erhofft hast – sprich mit deiner:m Ärzt:in. Nicht mit Sona, nicht mit einem Forum.

Eine ehrliche Schlussbemerkung

Der PHQ-9 ist ein nüchternes, wissenschaftlich solides Werkzeug. Aber er ist kein Maß dafür, wer du bist, was du wert bist oder wie das Leben um dich herum sein sollte. Er misst neun Symptome über zwei Wochen. Das ist viel, und gleichzeitig sehr wenig.

Sona will dir keine Diagnose verkaufen. Sona will dir Zugang zu einem Werkzeug geben, das eine:r deiner Hausärzt:in in der Praxis vor sich hätte – damit du, wenn nötig, mit guten Daten ins Gespräch gehen kannst. Nicht „ich glaube ich bin depressiv", sondern „ich habe in den letzten drei Monaten dreimal den PHQ-9 ausgefüllt, die Werte waren 12, 14 und 16. Ich würde das gerne mit Ihnen besprechen."

Das ist eine viel kraftvollere Position. Und genau dafür ist der PHQ-9 in Sona da.


Wenn du Sorge hast, dass deine Stimmung über mehrere Wochen nach unten geht: Du musst das nicht alleine tragen. Telefonseelsorge in Deutschland: 0800 111 0 111 (24h, kostenlos, anonym). Hausärzt:in oder Krankenkasse für Therapieplatz-Vermittlung: ebenfalls niederschwellig.