2026-05-22 · 8 min

Wo ist eigentlich der Gartenzaun hin? – über die verschwundenen Räume des nebenbei Erzählens

Frag mal jemanden, der in den siebziger Jahren in einem Dorf groß geworden ist, wann er das letzte Mal richtig Zeit hatte, jemandem etwas zu erzählen. Du wirst eine merkwürdige Antwort bekommen. Nicht „letzte Woche beim Familienessen". Eher: „Naja, das war eigentlich nie ein eigener Termin. Das passierte einfach, wenn man Brötchen geholt hat."

Wenn man Brötchen geholt hat. Genau das ist das Wort, um das es hier geht.

Es gab da früher diese Orte

Es gab da früher diese Orte, an denen man miteinander geredet hat, ohne dass das Reden der Hauptzweck war. Man war eigentlich für etwas anderes da – Brötchen holen, Auto tanken, Hund ausführen, Müll runterbringen, Rauchen, Stammtisch, Friseur, am Pförtnerfenster vorbeigehen – und dabei kam das Reden mit. Nebenbei. Als Beifang.

Die Bäckerin fragte nach den Kindern. Der Tankwart sagte, dass das Wetter eigentlich nicht hätte umschlagen müssen, wenn der Wind nicht so gedreht hätte. Die Nachbarin lehnte sich auf den Zaun und erzählte von ihrem Bruder. Am Stammtisch fielen Sätze, die niemand ernst meinte und die trotzdem zwischen den Leuten etwas erledigten, was die Leute weder benennen noch verzichten konnten. Und niemand dachte währenddessen: Ich rede gerade über mein Befinden. Es war einfach das, was man machte, wenn man unter Menschen war.

Die meisten dieser Orte gibt es noch. Aber sie funktionieren nicht mehr so.

Die Bäckerei ist heute oft eine Brötchen-Filiale ohne festes Personal. Der Tankwart ist eine Zapfsäule und ein junger Mensch hinter Plexiglas, der seine Schicht eher überleben als gestalten möchte. Den Stammtisch gibt es noch, aber kaum noch unter Vierzig. Die Nachbarin am Zaun ist wahrscheinlich gar nicht mehr da, weil sie aus dem Reihenhaus weggezogen ist und du eine neue Person noch nicht kennst. Die Raucherecke vor dem Bürogebäude ist seit Corona ausgedünnt. Der Friseur erlaubt sich seine Minuten Kommunikation mit dir, aber er ist auch im Akkord.

Das ist nicht nostalgisch gemeint. Vieles davon ist auch gut weggebrochen – wer Lust auf Smalltalk hat, kann ihn suchen, wer keine Lust hat, kann ihn lassen. Die Tankstellen-Kassiererin musste nicht für jeden Smalltalk verfügbar sein, und das ist okay.

Aber etwas ist verloren gegangen. Und es ist nicht der Smalltalk selbst, sondern eine ganz bestimmte Eigenschaft dieser Räume.

Die Eigenschaft, die fehlt

Diese Räume hatten eine Eigenschaft, die heute selten geworden ist: Sie boten Reden ohne Anlass.

Du musstest dir vorher nicht überlegen, ob du etwas auf dem Herzen hast. Du musstest dich nicht zum Reden „aufraffen". Du musstest niemanden einladen, keinen Termin machen, kein Restaurant aussuchen. Du hast Brötchen geholt, und die Bäckerin hat gefragt, ob deine Tochter wieder gesund ist, und du hast irgendwas geantwortet, und beim Antworten hast du gehört, wie du gerade über die Sache redest. Und manchmal hast du am Heimweg gemerkt: Aha, so denke ich also darüber. Das wusste ich vorher gar nicht.

Das ist die Eigenschaft: Du hast über dich geredet, ohne dass es ein Gespräch über dich war.

Heute ist das Gegenteil die Norm. Wenn du heute über dich reden willst, musst du es deklarieren. Du schreibst einer Freundin „Hast du heute Abend Zeit zum Telefonieren? Ich bräuchte mal kurz." Das Gespräch wird damit zu einem Termin, einem Vorhaben, einem „etwas Wichtigem". Und für viele kleine Sachen lohnt sich der Aufwand nicht. Also bleiben sie ungesagt.

Der Verlust ist real, aber leise

Der Verlust dieser Räume ist deshalb so wenig sichtbar, weil er nicht laut passiert ist. Niemand hat eines Tages gesagt „Wir schaffen jetzt das nebenbei Erzählen ab". Es ist einfach so geschehen: Geschäfte wurden anonymer, Wege wurden kürzer und auf Apps verlegt, Wohnformen wurden privater, Arbeitsplätze wurden zu Open-Space-Großräumen, in denen das halblaute Plaudern unangenehm fürs Team ist, das Pendeln wurde länger und das Telefon wurde laut.

Wir haben heute hundertmal mehr Möglichkeiten, mit anderen zu kommunizieren, als unsere Großeltern. Und gleichzeitig hat sich die Sorte Kommunikation, um die es hier geht – das beifange, anlasslose Reden – tendenziell verringert.

Studien zur Einsamkeit in Industrieländern zeigen das auch ziemlich konsistent: Es ist nicht die Anzahl der Kontakte, die abnimmt. Es sind die zufälligen, kurzen, nicht-ausgemachten Begegnungen. Die Soziolog:innen nennen das manchmal „weak ties" – die Bekannten, nicht die Engsten. Es sind diese weak ties, die kollektiv leiser geworden sind. Und mit ihnen ist eine Form des Mit-sich-und-anderen-Sein leiser geworden, die wir gar nicht so genau benannt hatten, solange wir sie hatten.

Was das mit dir zu tun hat

Vielleicht ist das alles gerade nicht dein Problem. Vielleicht hast du noch deinen Wochenmarkt und deine Bäckerin und einen Stammtisch und einen Kollegen, mit dem du im Treppenhaus quatschst. Wenn ja, gut. Halte daran fest.

Aber vielleicht erkennst du auch etwas wieder. Dass du an manchen Tagen nach Hause kommst und merkst: Ich habe heute mit niemandem wirklich geredet. Nicht weil dir jemand gefehlt hätte – Mails warst du genug am Schreiben, Termine waren genug – sondern weil es kein Gespräch gegeben hat, in dem du nicht „etwas wolltest". Kein Gespräch, in dem das Reden selbst der Punkt war.

Vielleicht merkst du auch, dass du beim alleine spazieren oder duschen oder Auto fahren mit dir selbst sprichst. Manchmal sogar leise hörbar. Das ist nichts Verrücktes. Das ist nicht „du bist einsam". Das ist dein Hirn, das versucht, sich den Mechanismus zu beschaffen, den es eigentlich braucht: jemand, dem es etwas erzählt, während es etwas anderes macht.

Sona will da rein, aber realistisch

Wir wollen nicht so tun, als wäre Sona der neue Gartenzaun. Das wäre lächerlich. Eine App ist kein menschlicher Ort. Sie ersetzt nicht die Bäckerin, die deine Kinder beim Namen kennt. Sie ersetzt nicht den Tankwart-Witz und nicht den Stammtisch und nicht das Auf-den-Zaun-Lehnen.

Was Sona aber kann, ist die Funktion dieser Räume teilweise übernehmen, im Bereich, in dem sie verschwunden sind. Nämlich:

Reden ohne Anlass möglich machen. Du musst dir nichts vornehmen. Du musst nichts „besprechen". Du kannst Sona aufmachen, während du auf den Bus wartest, beim Treppen runtergehen, im Bett liegend zwei Minuten vor dem Schlafen, im Park auf der Bank. „Heute war komisch." Oder „Ich denke gerade an meine Mutter, weiß nicht warum." Oder „Ich habe gerade eine Mail bekommen, die ich nicht einordnen kann."

Beifang erlauben. Du musst nicht wissen, was du sagen willst. Wenn du nur „Hallo, ich habe gerade nichts Konkretes" sagst, ist das eine vollständige Sona-Eröffnung. Sona wird vielleicht zurückfragen, wie der Tag war, vielleicht etwas aus den letzten Tagen aufgreifen. Das, was dabei rauskommt, hast du nicht geplant. Genau das ist der Punkt.

Niemanden behelligen. Du musst niemandem schreiben „Hast du grad Zeit?" Du musst nicht das Gefühl haben, dass jemand seinen Abend für dich unterbricht. Sona ist genau dafür da – sie braucht keine Energie von dir, die du gerade nicht hast.

Sich erinnern, was du sagst. Im Unterschied zur Bäckerin merkt sich Sona auch, was du vor zwei Wochen erwähnt hast. Das gibt dem beifangen Reden eine Tiefe, die der historische Gartenzaun gar nicht hatte. Du baust über die Zeit ein Bild von dir auf – nicht weil du daran arbeitest, sondern weil sich das Beifang-Material ansammelt.

Was Sona nicht ersetzt

Nochmal klar gesagt: Sona ist keine menschliche Gesellschaft. Wenn du merkst, dass du dich nach echten Menschen sehnst – nach Stimmen, nach Lachen, nach einem Bier am Tresen, nach einer Umarmung – dann geh raus. Sona kann dich auch dabei begleiten, kann mit dir vorbereiten, was du eigentlich willst, mit wem du wieder mehr Zeit verbringen möchtest. Aber sie ist nicht das Bier am Tresen.

Sona ersetzt auch keinen Therapeuten – das haben wir an anderer Stelle ausführlich beschrieben. Wenn du an einem dunklen Punkt bist, ist eine echte Fachperson das Richtige. In Deutschland: Telefonseelsorge 0800 111 0 111, jederzeit.

Was Sona ist: ein zusätzlicher Ort, an dem nebenbei reden möglich ist. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Und in einer Zeit, in der genau diese Orte rar geworden sind, ist „mehr nicht, aber auch nicht weniger" überraschend viel.

Manchmal ist das einfach: Du kommst nach Hause, machst dir einen Tee, machst Sona auf, sagst „Heute haben sie auf der Arbeit das halbe Team umgesetzt und alle tun so, als wäre nichts." Du sagst es, du hörst, wie du es sagst, du merkst, dass dich das mehr nervt, als du gedacht hast. Du redest weiter. Nach acht Minuten ist es nicht mehr so dicht. Du hast es nicht gelöst, du hast es nicht weggeschoben – du hast es einfach gesagt.

So wie früher beim Brötchenholen.


Erinnerst du dich an Orte, die du verloren hast, und an die wir denken sollten? Schreib uns: kontakt@sona-app.de.